Welche Blutwerte solltest du einmal im Jahr kennen?
Du schläfst besser, isst anders, trainierst mehr. Ob sich im Stoffwechsel, an den Gefäßen oder an deinen Speichern wirklich etwas tut, weißt du ohne Messung nicht. Hier ist mein Basis-Check: wenige Werte, in Gruppen gelesen, jedes Jahr unter denselben Bedingungen.
Warum einmal im Jahr?
Im Unternehmen schaue ich mir die wichtigsten Kennzahlen nicht erst an, wenn der Umsatz einbricht. Ich will die Entwicklung sehen, solange ich noch gegensteuern kann. Beim eigenen Körper machen es die meisten umgekehrt: Gemessen wird, wenn etwas nicht mehr stimmt.
Bei mir war es der Langzeitzucker. Er lag nah an der Grenze, und gespürt habe ich davon nichts. Viele Veränderungen an Zucker, Blutfetten, Leber oder Niere machen lange keine Beschwerden. Und ein einzelner Wert ist nur ein Foto. Erst mehrere Werte unter gleichen Bedingungen zeigen, ob sich etwas bewegt.
Die Gegenseite gehört dazu
Eine große Cochrane-Übersicht hat allgemeine Gesundheits-Checks bei Erwachsenen ohne Beschwerden untersucht. Auf die Sterblichkeit hatten sie insgesamt keinen erkennbaren Effekt. Ein Laborwert allein verlängert also kein Leben. Er hilft nur, wenn daraus eine bessere Entscheidung folgt.
Daraus folgt für mich nicht, weniger zu messen, sondern gezielt: wenige Werte mit klarer Aussage, jedes Jahr unter denselben Bedingungen, danach ein Gespräch in der Praxis. Eine offizielle Leitlinie für ein jährliches Laborpanel bei Gesunden gibt es nicht. Was folgt, ist meine persönliche Auswahl.
Was die Kasse zahlt – und Lp(a)
Ab 35 hast du alle drei Jahre Anspruch auf den Gesundheits-Check-up der gesetzlichen Krankenkasse, mit Blutfetten, Blutzucker und Urintest. Was darüber hinausgeht, zahlst du ohne konkreten Anlass meist selbst.
Einen Wert brauchst du nur einmal im Leben: Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Seine Höhe ist weitgehend genetisch festgelegt, ein erhöhter Wert gilt als eigenständiger Risikofaktor für Herz und Gefäße. Die Europäische Atherosklerose-Gesellschaft empfiehlt, ihn bei jedem Erwachsenen mindestens einmal zu bestimmen.
Zwei Dinge dazu:
- Lp(a) wird in mg/dl oder in nmol/l angegeben. Die Einheiten lassen sich nicht zuverlässig ineinander umrechnen. Halte deinen Wert nie gegen eine Tabelle mit der anderen Einheit.
- Lp(a) ist kaum beeinflussbar und deshalb kein Optimierungsziel. Es verändert aber, wie ernst die anderen Werte zu nehmen sind.
Der Basis-Check: rund 15 Werte in Gruppen
Vor jedem Wert steht eine Frage: Welche Entscheidung würde das Ergebnis verändern? Ich sortiere die Werte nicht alphabetisch, sondern in Gruppen, die zusammen gelesen werden. Fast kein Wert ergibt allein ein Bild – jeder hat einen Partner.
Zucker: HbA1c und Nüchternglukose. Der HbA1c zeigt den durchschnittlichen Blutzucker der letzten zwei bis drei Monate. Er ist verfälscht, wenn die roten Blutkörperchen kürzer oder länger leben als üblich, etwa bei Eisenmangel. Deshalb gehört das Blutbild dazu.
Blutfette: ApoB, Triglyceride, HDL, LDL. ApoB zählt die Partikel, die Ablagerungen in den Gefäßen verursachen können. Das LDL sagt, wie viel Cholesterin darin steckt. Zwei Menschen mit gleichem LDL können ein sehr unterschiedliches ApoB haben. Fehlt ApoB, ist das Non-HDL-Cholesterin der beste Ersatz.
Eisen und Entzündung: Ferritin, Transferrinsättigung, CRP. Ferritin ist der Eisenspeicher, steigt aber auch bei Entzündung, Infekt oder Belastung der Leber. Ein unauffälliges Ferritin kann deshalb einen Mangel verdecken. Ferritin allein zu lesen ist einer der häufigsten Fehler beim Laborbefund.
Leber: ALT, AST, GGT. Diese Enzyme zeigen eine Belastung der Leberzellen, nicht die Leberfunktion. Die AST steigt auch nach hartem Krafttraining, ganz ohne Lebererkrankung.
Niere: Kreatinin mit eGFR und Albumin im Urin. Kreatinin hängt von der Muskelmasse ab. Wer viel Muskulatur hat, Kreatin nimmt oder am Vortag hart trainiert hat, sieht eine scheinbar schlechtere Nierenfunktion. In Zweifelsfällen kann Cystatin C zur Bestätigung dienen.
Schilddrüse: TSH. Zum Einstieg reicht das TSH. Es folgt einem Tagesrhythmus, also immer zur gleichen Uhrzeit messen. Ein einzelner leicht auffälliger Wert ist ein Grund zur Kontrolle, kein Befund.
Vitamine: Vitamin D und B12. Vitamin D schwankt mit der Jahreszeit – ein Wert aus dem Februar und einer aus dem August sind nicht vergleichbar, und mehr ist nicht automatisch besser. Beim B12 ist der übliche Serumwert wenig zuverlässig, aussagekräftiger ist das aktive B12 (Holo-Transcobalamin).
Dazu das kleine Blutbild als Grundlage für viele der anderen Werte.
Was nur mit Anlass dazukommt
Viele Anbieter verkaufen deutlich größere Pakete. Manches davon ist sinnvoll, aber nur mit einer konkreten Frage:
- Nüchterninsulin, wenn der Zucker grenzwertig ist – dann immer im selben Labor.
- Hormone wie Testosteron nur bei passenden Beschwerden, morgens gemessen und bestätigt.
- Der Omega-3-Index frühestens drei bis vier Monate nach einer Veränderung.
- Antikörper wie ANA nur bei konkretem Verdacht. In einer Untersuchung waren rund 13 Prozent gesunder Menschen positiv.
- Tumormarker gehören nicht in ein Vorsorgepaket.
So wird dein Wert vergleichbar
Ein Jahreswert ist nur etwas wert, wenn du ihn mit dem Vorjahr vergleichen kannst:
- gleiches Labor, gleiche Jahreszeit, gleiche Uhrzeit – am besten morgens und nüchtern
- zwei bis drei Tage vorher kein hartes Krafttraining, am Vorabend kein Alkohol
- nicht während eines Infekts – lieber zwei Wochen verschieben
- hochdosiertes Biotin aus Haar- und Nagelpräparaten kann Schilddrüsen- und Hormonwerte verfälschen; sprich das vorher an
- verordnete Medikamente setzt du für eine Messung nie eigenmächtig ab
Tests, die du dir sparen kannst
Gerade im Biohacking-Umfeld werden Tests verkauft, die mehr versprechen, als sie halten. IgG-Tests auf Nahrungsmittel empfehlen die Fachgesellschaften ausdrücklich nicht. Haaranalysen und Dunkelfeld-Blutanalysen sind nicht standardisiert. Die sogenannte Nebennierenerschöpfung ist kein anerkanntes Krankheitsbild. Kommerzielle Telomer-Tests streuen stark.
Ein epigenetisches Alter als einzelne Zahl finde ich als Epigenetik-Berater spannend. Als Grundlage für persönliche Entscheidungen ist es heute nicht verlässlich genug.
Was kein Laborwert ersetzt
Die Untersuchungen mit dem am besten belegten Nutzen sind unspektakulär: Darmkrebsvorsorge, Hautkrebs-Screening, Zahnkontrolle, regelmäßige Blutdruckmessung. Sie gehören in deinen Jahresplan genauso wie das Labor.
Und dann ist da deine Ausdauer. In einer großen Auswertung mit über 122.000 Menschen hing eine höhere Fitness deutlich mit einer niedrigeren Sterblichkeit zusammen. Kein Blutwert liefert eine vergleichbare Aussage.
Dein Basis-Check in der Praxis
Leg einen festen Monat im Jahr fest, lass deine Werte bestimmen und vereinbare direkt einen Termin zur Besprechung. Bring die Werte vom Vorjahr mit. Nach zwei, drei Jahren siehst du deinen eigenen Verlauf statt einer Zeile mit Pfeilen.
Was ein bestimmter Wert bei dir bedeutet, ordnet eine Ärztin oder ein Arzt ein. Deine Aufgabe ist, die richtigen Werte zur richtigen Zeit unter vergleichbaren Bedingungen zu haben.
Das ganze Kapitel mit allen Quellen und einem Arbeitsblatt steht in meinem Buch THE BIOHACK CODE.
Quellen
- Krogsbøll LT et al. General health checks in adults for reducing morbidity and mortality. Cochrane Database Syst Rev 2019
- Bundesministerium für Gesundheit: Gesundheits-Check-up
- Kronenberg F et al. Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: EAS consensus statement. Eur Heart J 2022
- Mach F et al. 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Eur Heart J 2020
- WHO guideline on use of ferritin concentrations to assess iron status in individuals and populations, 2020
- KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int 2024
- Devalia V et al. Guidelines for the diagnosis and treatment of cobalamin and folate disorders. Br J Haematol 2014
- Tan EM et al. Range of antinuclear antibodies in "healthy" individuals. Arthritis Rheum 1997
- Li D et al. Association of Biotin Ingestion With Performance of Hormone and Nonhormone Assays in Healthy Adults. JAMA 2017
- Mandsager K et al. Association of Cardiorespiratory Fitness With Long-term Mortality. JAMA Netw Open 2018
Die Inhalte dienen der Information und Bildung und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Zertifizierter Longevity, Health & Biohacking Coach, Epigenetik Berater und Gründer von THE BIOHACK CODE.
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